Caritas Bonn: 99 Jahre und kein bisschen leise

Nicht jede alte Dame ist in diesem Alter so lebendig und agil wie der Caritasverband der Stadt Bonn e.V. Bei meinem Gespräch mit Jean-Pierre Schneider, dem langjährigen Geschäftsführer der Bonner Caritas, wird diese Lebendigkeit überdeutlich sichtbar.

Wir beginnen mit der Frage, die nicht nur der Caritas, sondern der ganzen Stadt seit Jahren zunehmend Kopfzerbrechen bereitet: Wie können wir dem zunehmenden Bedarf an günstigem Wohnraum begegnen? Knapper Grund und Boden und überhöhte Preise sind nur ein Teil des Problems. Größere Wohnbauprojekte stoßen auf verstärkten Widerstand der Nachbarschaft, die einerseits besorgt ist wegen des Zuzugs neuer Anwohner und Anwohnerinnen und des zu erwartenden Verkehrs, die aber auch die Veränderung der gewohnten und lieb gewonnenen Umgebung und den Verlust von Grünflächen fürchten. Unser Fazit: Wir müssen gemeinsam dafür sensibilisieren, dass ökologisch und sozial verantwortbarer Wohnungsbau kein Nachteil sein muss Nachbarschaft, dass aber dennoch auch die Bereitschaft der Alteingesessenen notwendig ist, neue Nachbarinnen und Nachbarn willkommen zu heißen.

Wir sprechen natürlich auch über die Folgen der Coronakrise für die unterschiedlichen Dienste, Einrichtungen und Beratungsstellen der Caritas in Bonn. Es wird sehr deutlich, dass uns die jüngsten Erfahrungen nochmal ganz neu den Wert unserer Gesundheitseinrichtungen und der sozialen Arbeit in Bonn vor Augen geführt haben. Ohne diese soziale Landschaft, die wir hier zum Glück haben und die sehr vielseitig ist, wären die Auswirkungen besonders für benachteiligte Personengruppen wie Wohnungslose, Drogenabhängige und sozial benachteiligte Familien noch viel massiver gewesen. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir gerade auch für diese Personengruppen krisenfeste Strukturen schaffen müssen. Wir brauchen langfristig eine bessere räumliche und personelle Ausstattung von Schulen, Kindertagesstätten und offenen Ganztagsschulen, wo während der Krise aus Kapazitätsgründen noch deutlich mehr Kinder hätten betreut werden können als letztlich gekommen sind. Jene Kinder, die während der Coronakrise zu Hause lernen mussten, ohne über digitale Endgeräte oder auch nur ausreichend Platz zum Lernen zu verfügen, drohen abgehängt zu werden. Auch hier brauchen wir andere Strukturen – und auch hier kann die Kommune einiges tun.

An manchen Punkten des Gesprächs wird deutlich, dass wir den Blick über die Grenzen unserer Kommune hinaus auf die Verantwortung von Land und Bund richten müssen. Fachlich unausgereifte und letztlich praxisferne Regelungen zu Hygiene und Abstand haben es nicht nur dem Fachpersonal in den Altenheimen schwer gemacht, mit ihren Bewohnerinnen und Bewohnern und deren Angehörigen die Coronakrisen zu überstehen. Es braucht mehr Expertenwissen in den Gremien, die solche Entscheidungen treffen.

Der Caritasverband in Bonn wird im kommenden Jahr 100 Jahre alt. 1921 lag der Erste Weltkrieg gerade drei Jahre zurück. Die daraus entstehenden sozialen Nöte bildeten den Hintergrund für die Entstehung eines Sozialverbandes, dessen Einsatz über Jahre hinweg von den Kriegserfahrungen und deren Folgen geprägt war. Heute leben wir in anderen Zeiten, und doch gibt es auch heute umfassende soziale Not, die sich anders zeigt, aber nicht weniger bedrängend ist. Die Unterstützung von Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen Langzeitarbeitslose sind oder als Jugendliche mit besonderen sozialen Problemen keinen Ausbildungs- oder Arbeitsplatz finden, gehört dazu. Deshalb sind Angebote wie die Radstation, wo Jugendliche auf den Übergang ins Berufsleben vorbereitet werden sollen, nicht nur eine sinnvolle soziale Einrichtung, sondern entsprechen auch dem Bedarf von Menschen, die diesen Service rund ums Fahrrad gerne in Anspruch nehmen. Die Wohlfahrtsverbände in Bonn tragen eine Menge dazu bei, die soziale Not zu lindern, deren Entstehen möglichst im Vorfeld zu vermeiden und Strukturen zu schaffen, die für alle Menschen ein auskömmliches und sinnhaftes Leben mitten in der Stadtgesellschaft.

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