Die Bonner Südstadt er-fahren

Fahnen zwischen zwei Straßenseiten

Mit dem Rollstuhl durchs Quartier

Ich liebe die Südstadt. Immer schon. Deshalb wohne ich hier auch. Es gibt aber sozusagen eine Art Berliner Mauer, die meinen Stadtteil rücksichtslos in zwei Hälften teilt. Ich finde es ausgesprochen schade, dass die Südstadt von einer Bahnlinie zerschnitten ist. Ich wohne auf der südstädter „schääl Sick“, dem nördlichen Teil oberhalb der Kaiserstraße. Nicht, dass es dort nicht ebenso schön wäre wie im Süden der Südstadt – es ist nur einfach so, dass auf diese Weise nicht zusammengehören darf, was doch eigentlich eine Einheit ist.

In meinem Teil der Südstadt kenne ich mich gut aus, aber heute wollte ich wissen, wie es eigentlich ist, mit dem Rollstuhl auf der anderen Seite unterwegs zu sein, also grob gesagt in der Südstadt südlich der Bahnlinie zwischen Baumschulwäldchen und dem LVR-Museum im Norden, der Poppelsdorfer Allee bis zu den Uniinstituten im Westen, der ehemaligen Ermekeilkaserne im Südwesten und der Wernher-von-Braun-Straße im Südosten.

Erstmal hat sich mein Vorurteil wieder umal bestätigt: die Südstadt ist einfach wunderschön und für mich eines der faszinierendsten Stadtviertel in Bonn. Ich habe nirgendwo anders so viele schöne Gründerzeit-Häuser auf engstem Raum gesehen wie hier, dabei so viel Grün und eine derart große Dichte an Cafés, Restaurants und kleinen Geschäften.

Allerdings ist es deprimierend, wie schlecht die Südstadt auf Menschen im Rollstuhl, mit einem Rollator oder einem Kinderwagen eingerichtet ist. Der Bonner Talweg mit seinen schönen Läden ist durch die Bank ein Totalausfall für Menschen, für die Stufen ins Geschäft unüberwindlich sind. Auch der zugegebenermaßen vom Stil her sehr passende und schöne Kopfsteinbelag der Seitenstraßen ist für Menschen auf Rädern sehr unangenehm zu befahren. Auf Rädern? Nun ja, für den Autoverkehr ist die Südstadt gut erschlossen, wenn man von der Tatsache absieht, dass viele der Straßen an Bahnschranken enden und auf der anderen Seite nahtlos weitergehen – sichtbarer Beweis dafür, dass die Südstadt anders geplant war. Fuß- und Radverkehr haben bisher das Nachsehen. Es wäre schön, wenn sich Anwohner*innen und Gewerbetreibende in der Südstadt zusammenschließen würden, um die Stadtverwaltung zu einer neuen Aufteilung des Verkehrsraums zu bewegen, was die Aufenthaltsqualität dort deutlich steigern würde und letztendlich auch gut fürs Geschäft ist. Von der erleichterten Mobilität für alle außerhalb eines Autos einmal ganz abgesehen …

Immerhin: Gehsteigkanten sind in der Regel abgeflacht. Doch keine Regel ohne Ausnahme. Auf meinem Rückweg von der Reuterstraße in den Bonner Talweg auf der südlichen Seite stand ich plötzlich vor einer hohen und für mich unüberwindlichen Gehsteigkante und musste entgegen meiner ursprünglichen Absicht auf den Gehsteig rechts in die Rittershausstraße und dann nochmal rechts in die Schumannstraße fahren, bevor ich endlich an einer (wie könnte es einfach auch anders sein) abgesenkten Garagenausfahrt den Gehsteig verlassen konnte. Doch auch das hatte Vorteile, denn auf diese Weise hatte ich zwei der schönsten Straßen meines gesamten Spaziergangs entdeckt, die ich andernfalls womöglich nicht gesehen hätte. Und noch dazu die Schumannstraße als Fahrradstraße kennengelernt!

Mein Traum ist es immer schon gewesen, einmal eines dieser wunderschönen Häuser in der südlichen Südstadt zu bewohnen. Dies wird mit Sicherheit ein Traum bleiben, denn was schön ist, ist in diesem Fall für Menschen im Rollstuhl nicht sonderlich zweckmäßig. Die Eingänge der Häuser sind sowohl nach oben wie auch ins Souterrain in der Regel nur über viele Treppen erreichbar, eine Erinnerung an alte Zeiten, in denen „die Herrschaften“ den oberen Bereich des Hauses bevölkerten und die Dienerschaft den unteren. Die Zeiten haben sich geändert. Wobei ganz offensichtlich der größte Teil der Südstadt weiterhin nicht gerade von Menschen mit geringem Einkommen bewohnt wird. Das finde ich schade, denn die Südstadt bietet viele Möglichkeiten für Menschen aller Generationen und Einkommensklassen, was beispielsweise durch eine Neubelebung der Ermekeilkaserne noch deutlicher werden könnte. Wir werden sehen, wann wir dieses Ziel endlich erreicht haben. Und ich bleibe in meiner schönen Wohnung auf der schääl Sick der Südstadt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.