Einzelhandel in Bonn: Impulse für eine lebendige Innenstadt

Ich gebe zu: Im Vorfeld dieses Termins hatte ich ein wenig Lampenfieber. Zu oft hatte ich in der Presse gelesen, dass der Einzelhandelsverband Bonn Rhein-Sieg Euskirchen e.V. sich besonders in Fragen der Verkehrsplanung vollkommen anders positioniert als wir Grüne. Umso größer meine Überraschung darüber, wie das Gespräch dann verlief.

Wir treffen uns im Café unterhalb der Geschäftsräume des Einzelhandelsverbandes. Herr Vassiliou, Vorsitzender des Verbandes, und Frau Weigand aus der Geschäftsstelle kommen schnell zur Sache. Die Situation des Einzelhandels besonders in Bonn schätzen sie als sehr schwierig ein und sehen eher pessimistisch in die Zukunft. Besonders die immer stärker werdende Konkurrenz aus dem Onlinehandel stellt das Konzept des stationären Handels zunehmend infrage und lässt die Umsätze einbrechen. Corona hat ihrer Ansicht nach diesen Prozess noch beschleunigt. Wir haben mit Insolvenzen und Geschäftsaufgaben zu rechnen. Viel Hoffnung, dass die Zukunft dem Einzelhandel eine neue Blüte bringen wird, besteht aus ihrer Sicht nicht.

Ich stelle die Frage in den Raum, ob eine Verbesserung der Aufenthaltsqualität in den verschiedenen Bonner Zentren – insbesondere natürlich in der City mit der Fußgängerzone rund um Rathaus und Münster – nicht auch dem Einzelhandel guttun würde. Mehr Veranstaltungen in der City, die Menschen in die Stadt ziehen, wie der Kunsthandwerkermarkt oder in früheren Zeiten die Klangwelle bieten Erlebnisse, die der Onlinehandel nicht ersetzen kann. Ich persönlich habe in meinem Leben keine andere Stadt bewohnt, die so gute Voraussetzungen dafür bietet wie Bonn mit seiner wundervollen Lage am Rhein (der von der Bonner Innenstadt aus bemerkenswert schlecht erschlossen ist), der großen Fußgängerzone und den vielen Kultureinrichtungen und -veranstaltungen, die hoffentlich nach der Corona-Pandemie wieder verstärkt angeboten werden können.

Und da ist da noch die Frage der Verkehrswende … Wir sprechen lange darüber, warum es notwendig sein sollte, den Cityring wieder zu öffnen. Definitiv ein Streitthema zwischen dem Einzelhandelsverband und uns Grünen, doch überraschenderweise gibt es auch durchaus gemeinsame verkehrspolitischer Perspektiven. Eine deutlich bessere Verkehrsführung und Leitsysteme auf den Autobahnen, die den auswärtigen Autofahrer*innen die besten Wege zu den verschiedenen Parkhäusern aufzeigen könnten, wären beispielsweise eine Alternative dazu, den Cityring rund um die Stadt herum offenzuhalten. Außerdem spricht sich der Einzelverband dafür aus, an den unterschiedlichen Einfallstraßen Park&Ride-Parkplätze mit einer deutlich verbesserten ÖPNV-Anbindung stadteinwärts einzurichten – in anderen Städten längst eine Selbstverständlichkeit, in Bonn noch nicht ansatzweise umgesetzt. Eine Fußgängerzone, die nicht nur vom Autoverkehr befreit wäre, sondern auch Fahrräder weitestgehend verbannen würde, entspreche ebenfalls dem Interesse des Einzelhandels. In dieser Frage sind wir uns nicht ganz einig, wenn ich mir auch persönlich gut vorstellen kann, dass die City tatsächlich den Fußgängern gehören sollte und auch für Fahrradnutzer*innen ausreichende und sichere Stellplätze rund um die Innenstadt geschaffen werden könnten.

Eines scheint sicher: Durch immer mehr „Billigheimer“ wie Textildiscounter und den ewig gleichen Fastfood-und Modeketten wird der Einzelhandel in der Innenstadt nicht gerettet werden. Der Charme der Bonner Zentren liegt besonders in den vielen kleinen und kleinsten inhabergeführten Läden, die ihr eigenes unverwechselbares Angebot an den Mann und an die Frau bringen wollen. Dafür brauchen wir unter anderem auch realistische Mieten im Gewerbebereich, die den derzeit ohnehin gebeutelten Einzelhandel in Bonn nicht noch zusätzlich belasten. Und einige große Publikumsmagneten wie die Bonner Warenhäuser, weshalb der Erhalt von Karstadt auch aus der Sicht des Einzelhandels sehr wünschenswert ist. Eines brauchen wir aber sicher nicht: weitere große Flächen für den Handel, denn hier bewahrheitet sich sicher, dass das Wachstum der Warenhäuser und großen Einzelhandelsketten – insbesondere im Modesegment – vorbei ist. Ich habe mich sehr über dieses Gespräch gefreut und bin überzeugt, dass wir uns nicht das letzte Mal getroffen haben. Wir wollen Bonn wirtschaftlich stark halten und attraktiv für Menschen, die zu uns kommen. Deshalb brauchen wir auch einen starken, lebendigen und zukunftsfähigen Einzelhandel.

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